Häusliche Gewalt

Ursachen, Auswege, Hilfsangebote

Häusliche Gewalt – Ursachen, Auswege, Hilfsangebote

O-Ton: Miraz, 8 Jahre „Wenn er da ist, dann habe ich Angst, aber wenn er nicht da ist, dann habe ich keine Angst. Also, wie nennt man das... keine Angst.“ O-Ton: Eylin, 10 Jahre „Er hat oft geschrien und hat gesagt, ich schmeiß Säure in dein Gesicht und meine Mutter hatte dann Angst, weil dann wäre sie vielleicht blind gewesen, dann hätte sie uns nicht mehr versorgen können, dann hätten wir vielleicht ins Heim gehen müssen. Sie hatte so richtig Angst, so dass sie nicht aus dem Haus gegangen ist, sie hat nur die Hunde rausgebracht und wirklich rausgegangen sind wir nur, wenn es dringend war.“ O-Ton: Jagiz, 10 Jahre „Er hat gesagt, ich werde meine Kinder zum Jugendamt bringen und dann werde ich dich umbringen, habe ich gehört. Und das hat er immer gesagt und dann ist die Polizei gekommen am nächsten Tag und dann hat die Frau Polizistin mit meiner Mutter gesprochen und mit meinem Vater hat der Mann-Polizist und mein Vater hat die ganze Zeit gesagt, ich werde meine Kinder zum Jugendamt bringen und meine Frau umbringen.“ Diese Kinder haben den Mut erzählen, was sie zu Hause erlebt haben. Und wie es ihnen dabei ergangen ist. Das können sie, weil sie bei der Sozial- und Traumapädagogin Ulrike Lein einen geschützten Raum haben, in dem sie sich sicher fühlen. Sie hilft Kindern, die häusliche Gewalt miterleben. Wie fühlen sich die Kinder? O-Ton: Eylin, 10 Jahre „Als erstes sehr traurig und öfter, wenn ich rausgegangen bin habe ich öfter Freunde gesehen, die haben einen Papa, die sind ins Kino gegangen, da war das schon traurig, das man das ansehen musste, wenn man sieht, dass andere so glücklich sind mit dem Papa und der eigene weg ist, das ist schon sehr traurig.“ O-Ton: Jagiz, 10 Jahre „Nein. Nicht mehr. Wo sie sich vertragen haben schon aber seitdem nicht mehr. Sehr blöd. Ja.“ O-Ton: Miraz, 8 Jahre „Ich wünsche, dass er nicht mehr so schreit und so und dass er nicht mehr streitet.“ Das eigene Zuhause sollte der Ort sein, an dem sich Kinder sicher und geborgen fühlen. Wo sie sich immer vertrauensvoll an Vater oder Mutter wenden können. Doch so sieht das Zuhause dieser Kinder nicht aus. Sie erleben, dass zwischen ihren Eltern Angst, Bedrohung und Gewalt herrschen. Häusliche Gewalt findet zwischen den Eltern statt. Deshalb wird sie auch Partnerschaftsgewalt genannt. Meist findet sie zu Hause statt. Außenstehende wie Freunde oder Bekannte wissen oft nicht, was in der Familie passiert. Kinder, die häusliche Gewalt miterleben müssen, leiden sehr darunter. O-Ton: Ulrike Lein, Sozial- und Traumapädagogin, Interventionsstelle, Landkreis München „Jeder erlebt das mal mit, dass die Eltern in irgendwelchen Konflikten drinnen sind oder sich streiten. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Streitigkeiten. Es gibt die Eltern, die sich streiten, danach aber wieder versöhnen aber es gibt auch die Eltern, wo der Streit eskaliert, wo zu Bedrohungen kommt, wo Gegenstände geworfen werden, wo Leute erniedrigt werden oder wo auch körperliche Gewalt angewendet wird, wenn man z.B. geschlagen wird, dass auch die Polizei kommen muss und das nennt man häusliche Gewalt. Wenn das immer öfter auftritt, die Streitigkeiten, nicht nur – ich sag jetzt mal – einmal im Monat, dass kann man nicht festsetzen, aber wenn z.B. jeden zweiten oder dritten Tag ein Streit passiert, der nicht beendet wird, wenn es immer wieder nachts passiert, dass gestritten wird und wenn es wirklich schlimm ist, so dass man ein Gefühl von Angst entwickelt, dann würde ich sagen, ist für ein Kind ein Empfinden von häuslicher Gewalt.“ Es gibt verschiedene Formen der häuslichen Gewalt, die Kinder miterleben: • Beleidigungen: „du bist so dumm“ • Demütigungen: „ du bist zu nichts zu gebrauchen“ • Einschüchterungen: „Wenn du nicht zu Hause bleibst, gibt’s Ärger“ • Drohungen: „tu was ich sage oder ich schlage dich grün und blau“ • ständige Kontrolle: „gib mir sofort dein Handy, mit wem hast du gechattet“ • körperliche Misshandlungen wie Schläge, Tritte oder Würgen bis hin zum sexuellem Missbrauch Häusliche Gewalt beginnt oft schleichend. Meistens geht der Vater nur auf die Mutter los. Manche Männer aber bedrohen nicht nur ihre Frau, sondern auch ihre Kinder. Häusliche Gewalt kann in jeder Bildungs- und Einkommensschicht, in allen Altersgruppen, Nationalitäten, Religionen und Kulturen stattfinden. Das bedeutet: häusliche Gewalt gibt es nicht nur in einer bestimmten „Art“ von Familie. Sondern überall. O-Ton: Ulrike Lein, Sozial- und Traumapädagogin, Interventionsstelle Landkreis München „Das ist egal, ob man wenig Geld verdient oder ob der Papa Professor ist oder Arzt, ob ich aus der Türkei komme oder ob ich aus Deutschland komme, ob meine Eltern jünger sind oder älter sind, überall, in jeder Familie kann häusliche Gewalt passieren.“ Wer übt die Gewalt in der Familie aus? O-Ton: Ulrike Lein, Sozial- und Traumapädagogin, Interventionsstelle Landkreis München „Prinzipiell kann es passieren, dass auch Männer unter häuslicher Gewalt leiden aber bei uns sind es wirklich nur die Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, beziehungsweise dann auch die Kinder, die davon mitbetroffen sind.“ Wie viele Kinder in Deutschland häusliche Gewalt miterleben, weiß niemand. Die sogenannte Dunkelziffer ist sehr hoch. Das bedeutet: viele Kinder erleben Gewalt, zwischen ihren Eltern, ohne dass jemand außerhalb der Familie, wie z.B. Freunde, das mitbekommt. Jedes Kind hat das Recht auf ein Leben ohne Angst, ohne Bedrohung und ohne Gewalt. Väter und Mütter müssen ihre Kinder schützen und sich gut um sie kümmern. Das ist in den sogenannten Kinderrechten festgelegt. Im Artikel 2 des Grundgesetzes steht: Jeder Mensch hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. Das bedeutet: niemand darf einen anderen Menschen beleidigen, quälen, schlagen oder misshandeln. Deshalb ist häusliche Gewalt keine private Angelegenheit, die niemanden etwas angeht. Im Gegenteil: wer häusliche Gewalt ausübt, macht sich strafbar. O-Ton: Ulrike Lein, Sozial- und Traumapädagogin, Interventionsstelle Landkreis München „Mir ist ganz wichtig, dass sich die Kinder nicht die Schuld dafür geben, dass die Eltern sich streiten, weil sie dafür keine Schuld tragen und egal, was für ein angepasstes Verhalten sie zeigen, so sehr sie lieb sein wollen, zu Hause putzen... die Eltern streiten sich aufgrund ihrer Probleme, das Kind ist nicht das Problem. Und es trägt keine Schuld und soll auch nicht die Verantwortung tragen. Das, was das Kind machen soll, ist sich zu schützen, denn es ist etwas besonders und es ist wichtig und es schützt sich, indem es die Polizei ruft, wenn es zu große Angst hat oder sich einem Erwachsenen anvertraut.“ Väter und Mütter wollen gute Eltern sein. Doch manche schaffen das nicht. Sie können sich nicht um ihre Kinder kümmern, weil sie in eine Art Dauer-Streit geraten. Dann geht es nicht mehr darum, eine Lösung zu finden, damit sich die Eltern einigen können. Es geht um etwas anders: um Macht und Kontrolle. Der Vater wird zum Täter und die Mutter zum Opfer. O-Ton: Jagiz, 10 Jahre „Ich halte mich raus. Ich will nicht in diese Sache rein, nicht dass meine Mutter noch mehr Ärger bekommt.“ O-Ton: Miraz, 8 Jahre „Auf meine Mama pass ich, ich auch manchmal auf, weil... also sie geht auch manchmal raus und ich will nicht, dass, wenn sie rausgeht und mein Papa kommt und sie nimmt, dann haben wir keine Mama mehr.“ O-Ton: Eylin, 10 Jahre „Er hat eine Cola Flasche geschmissen, er hat meinen Bruder verletzt, er hatte eine große Schnittwunde, die war auch voller Blut, meine Mama hatte Scherben im Gesicht.“ Manchmal gibt es kurze „friedliche“ Phasen, in denen der Vater freundlich ist. Dann hoffen alle, dass das Leben in der Familie wieder besser wird. Doch das passiert nicht. Denn urplötzlich wird der Vater wieder gewalttätig. 2.3 Auswirkungen von häuslicher Gewalt Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, leben in ständiger Angst und in einer permanenten Anspannung. O-Ton: Miraz, 8 Jahre „In der Nacht... Er hat nur rumgeschrien und da hatte ich Angst und konnte nicht schlafen. Und am nächsten Tag musste ich zur Schule und konnte nicht zur Schule, weil ich war die ganze Zeit müde, wegen meinem Papa, weil er die ganze Nacht geschrien hat.“ O-Ton: Jagiz, 10 Jahre „Und in der Schule war ich auch schlecht, weil ich habe die ganze Zeit an meine Mutter gedacht, nicht dass er was macht, deswegen konnte ich nicht sehr gut in der Schule sein.“ O-Ton: Eylin, 10 Jahre „In der Schule bin ich zu Freunden gegangen, ich habe auch öfters in der Klasse einfach losgeweint, weil ich einfach Angst habe, nach Hause zu gehen, ich habe losgeweint, meine Lehrer haben mich gefragt, was ist aber ich wollte nicht antworten und dann war das schon mal so, dass die meine Mama informiert hatten, dass die Eylin im Unterricht einfach so weint und dann habe mit ihnen über alles geredet.“ Ulrike Lein hilft den Kindern zu verstehen, was bei ihnen zu Hause passiert. Hier bauen die Kinder einen sicheren Ort. Einen Ort, wo sie geschützt sind: durch gefährliche Raubtiere, Drachen, Zauberer und Zäune. Wenn sie Angst bekommen, können sie in Gedanken an ihren sicheren Ort gehen. Das hilft ihnen, sich vor Angst nicht wie gelähmt zu fühlen und sich zu entspannen. O-Ton: Ulrike Lein, Sozial- und Traumapädagogin, Interventionsstelle Landkreis München „Das Gehirn ist in einer permanenten Alarmbereitschaft, es könnte irgendetwas passieren, man kann sich nur auf das konzentrieren, man ist sensibler für irgendwelche Reize, d.h. wenn man selber ein bisschen schräg angesprochen wird als Kind, flippt man viel schneller aus, wird viel schneller aggressiv.“ Niemand versteht, warum das Kind plötzlich so wütend ist. Und nicht nur auf Gegenstände sondern sogar auch auf andere losgeht. Eine andere Reaktion: das Kind zieht sich zurück. Es wird teilnahmslos und interessiert sich für nichts mehr. Andere Kinder wiederum versuchen, ihren Eltern alles Recht zu machen, damit es keinen Streit gibt. O-Ton: Ulrike Lein, Interventionsstelle Landkreis München „Man kann sich ganz schwer auf Sachen konzentrieren, deswegen kommt es auch zu Lernschwierigkeiten, die Kinder haben, weil sie dem Lehrer nicht mehr zuhören können, den Stoff auch nicht mehr aufnehmen können am Abend, wenn sie zu Bett gehen, weil sie denken, die Eltern könnten sich wieder streiten oder sie streiten sich gerade. Einschlafprobleme, ganz klar, weil man nie zur Ruhe kommt, kann der Körper gar nicht entspannen, durch Albträume wachen die Kinder auf und müssen sich irgendwie wieder beruhigen und es ist ganz schwer, dann wieder einzuschlafen. Bei mir haben viele Kinder schwarze Augenringe und sprechen davon, dass sie einfach mal wieder gut einschlafen wollen.“ Ein Kraftstein hilft den Kindern, wieder das Gefühl zu haben, an einem sicheren Ort zu sein, an dem ihnen nichts passieren kann. Es ist wichtig, dass die Kinder diese Sicherheit kennenlernen. Nur so können sie aus dem Teufelskreis der Gewalt ausbrechen. O-Ton: Ulrike Lein, Interventionsstelle Landkreis München „Wenn die Kinder nicht zu mir kommen und auch keine anderen Personen haben, denen sie mitteilen können, was ihnen passiert, dann wird es schwierig für sie in ihrer eigenen Partnerschaft. Dann kann es durchaus sein, Studien belegen das, dass 75% der Mädchen in eine eigene Opferrolle reinkommen, sozusagen so werden wie ihre Mama und häusliche Gewalt erleben und Jungs zu 95% Täter werden und ja... so werden wie ihr Papa.“ Doch wenn Kinder Hilfe bekommen, haben sie eine gute Chance, nicht das Leben ihrer Eltern zu wiederholen. Sondern gute Freundschaften und Beziehungen zu führen. Kinder, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, fühlen sich einsam. Sie denken, sie sind die Einzigen, denen das passiert. Und sie haben Angst darüber zu sprechen. Denn das wird ihnen von den Eltern mit den Worten verboten: „Ihr dürft niemandem etwas sagen. Es geht niemand etwas an, was bei uns zu Hause los ist.“ Es dauert oft sehr lange, bis sich Kinder endlich trauen und das Verbot der Eltern ignorieren, nichts zu sagen. Das ist besonders schwer, wenn sie einen Erwachsenen um Hilfe bitten wollen. O-Ton: Ulrike Lein, Sozial- und Traumapädagogin, Interventionsstelle Landkreis München „Prinzipiell ist es bei Kindern so, wenn sie das ansprechen und sie an eine Person geraten, der das bewusst ist und die sich auch gut auskennt mit dem Thema häusliche Gewalt, wird ihnen sofort geholfen. Es wird auf jeden Fall ernst genommen, was die Kinder sagen und man versucht, dann den nächsten Schritt einzuleiten, dass man sie unterstützt.“ Bei Ulrike Lein lernen die Kinder, dass sie sich nicht schämen müssen, weil sie häusliche Gewalt miterleben. Und dass sie mit jedem darüber reden dürfen, dem sie vertrauen. Zum Beispiel mit Freunden. O-Ton: Eylin, 10 Jahre „Die haben auch manchmal gefragt, sollen wir über was reden. Haben gefragt, wieso geht es dir so schlecht, ist alles okay bei dir, wieso rennst du weg oder so. Dann laufen die hinterher und fragen und das fand ich sehr nett von ihnen und dafür bin ich ihnen auch wirklich dankbar, dass die für mich da waren, weil ich hatte zu Hause niemanden, mit dem ich reden konnte außer mit meiner Mutter und als ich meine Freunde hatte, dann habe ich jedes Mal mit denen darüber geredet und denen danke ich auch, dass sie für mich da waren.“ Damit es den Kindern dauerhaft besser geht, muss die Gewalt beendet werden. Deshalb sollten sich auch die Väter Hilfe holen. Wenn sie sich weigern, muss die Mutter sich und ihre Kinder schützen. O-Ton: Ulrike Lein, Sozial- und Traumapädagogin, Interventionsstelle Landkreis München „Dann hat das Kind die Möglichkeit, der Mama zu sagen: Wenn du dich nicht von ihm trennst, dann trenn ich mich von euch. Das ist etwas ganz hartes., ich habe einige Kinder, die so 14 Jahre alt sind, die machen solche Ansagen und die meisten Mütter sehen, wenn das Kind eine Verhaltensauffälligkeit oder Auswirkungen hat von dem Zusammenleben beider Elternteile, entscheiden sich die Mütter schon meistens dafür, sich von dem Mann zu trennen.“ Auch wenn Kinder nicht mehr mit ihrem Vater zusammenleben wollen: einfach ist diese Entscheidung für sie nicht. Eine Trennung der Eltern kann den Kindern helfen, wieder ein neues Verhältnis zu ihrem Vater aufzubauen. Wichtig ist, dass alle in der Familie Hilfe bekommen: Vater, Mutter und Kinder. Wenn die Eltern streiten, sollten Kinder möglichst schnell den Raum verlassen und woanders hingehen. Zum Beispiel in ihr Zimmer. Um das Schreien nicht mehr zu hören, können sie Kopfhörer aufsetzen und Musik hören. Falls der Streit weiter ausartet, sollten Kinder die Wohnung verlassen und zu Freunden oder Nachbarn gehen. Und sich Hilfe suchen. O-Ton: Ulrike Lein, Interventionsstelle Landkreis München „Das können Personen im näheren Umfeld sein, Onkel, eine Cousine, eine Tante, die Großeltern oder auch im schulischen Umfeld oder auch im Kindergarten, dass es Erzieher oder Sozialpädagogen oder Lehrer sind an die sie sich wenden können. Manche Kinder, das ist selten, wenden sich auch direkt an Einrichtungen, wie z.B. „Die Nummer gegen Kummer“ oder „Das Hilfetelefon“ oder melden sich auch direkt beim Jugendamt.“ Bei der Nummer gegen Kummer können Kinder von Montag bis Samstag zwischen 14 und 20 Uhr die 116111 anrufen und über ihre Erlebnisse reden. Oder unter nummergegenkummer.de online chatten. Eine Online-Beratung gibt es auch unter www.youth-life-line.de Hilfe finden Kinder auch bei den Kinderschutzdiensten und dem Kinderschutzbund der verschiedenen Bundesländer. Unter www.dksb.de kann man den zuständigen Kinderschutzbund für die Region finden.